31 August 2005

Shylock
ein "Wienerischer Hans Wurst"

Der Hanswurst ist eine derb-komische Figur des Volkstheaters und der Wanderbühnen. Nach dem Vorbild von Harlekin und Pickelhering schuf Joseph Stranitzky um 1710 die Figur des "Wienerischen Hans Wurst", die durch G. Prehauser und J. F. von Kurz ("Bernardon") weiterentwickelt wurde; J.J. La Roche kreierte den "Kasperl", A. Hasenhut den "Thaddädl", A. Bäuerle den Parapluiemacher "Staberl". Der Kampf von J.von Sonnenfels gegen Stegreifkomödien und possenartige Hanswurstspiele führte zwar zum Zensurerlass Maria Theresias, doch behaupteten sich Hanswurstfiguren bis in das 19.Jahrhundert (F. Raimund, J. Nestroy) auf den Wiener Bühnen. In den Jahren des Hanswurstverbotes übernahmen die meisten Komiker die Judenrollen in den Lustspielen. In diese Tradition stellte Werner Krauß seinen Shylock 1923 in dem Stummfilm "Der Kaufmann von Venedig", in dieser Tradition stehen auch seine Judenrollen 1940 im "Jud Süß", und eine Lustspielfigur ist auch sein Shylock 1943 auf der Bühne des Burgtheaters, inmitten des Holocaust. Auf diese Perversion geht Klaus Dermutz ein in seinem Aufsatz "Das unheimliche Gefühl für Kontinuität. Das Burgtheater zwischen 1938 und 1945 und von 1945 bis 1955 - eine Bühne macht weiter" (Theater heute (Nr.8/9 2005, S. 38-55).

30 August 2005

Neue Bücher


Offermanns, Ernst: Die deutschen Juden und der Spielfilm der NS-Zeit. Peter Lang Verlag 2005

Seifener, Christoph: Schauspieler-Leben. Autobiographisches Schreiben und Exilerfahrung. Peter Lang Verlag 2005

Stern, Carola: Auf den Wassern des Lebens. Gustav Gründgens und Marianne Hoppe. Kiepenheuer & Witsch 2005

12 August 2005

„Jud Süß“ und „König Ottokars Glück und Ende“
Aus einem Interview von Peter von Becker mit dem Salzburger Schauspieldirektor Martin Kušej

Peter von Becker: Im Schauspielprogramm hat jetzt Ihre eigene Neuinterpretation von Franz Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ Premiere. Mit diesem Drama wurde 1955 in Wien, gleichsam als kultureller Staatsakt zur wiedergewonnenen Unabhängigkeit Österreichs, das im Krieg zerstörte Burgtheater wiedereröffnet. Mit Werner Krauß als Habsburgherrscher, also jenem Protagonisten, der unter den Nazis im „Jud Süß“-Film und als Shylock am Burgtheater Juden als antisemitische Karikaturen gespielt hatte. 50 Jahre nach dieser theatralen Verdrängungsfeier hat Ihr „Ottokar“ wohl einige symbolische Bedeutung?
Martin Kušej : Ich werde mit dem Grillparzer gewiss eine harte, nichts verdrängende Geschichte erzählen. Wir wollen den Kokon von Missinterpretation, von Verklärung und idealistischer nationaler Identitätsstiftung durchstoßen. Der „Ottokar“ gilt als eine Art österreichischer Gründungsmythos …… im Kern geht es um den Triumph Rudolf von Habsburgs über den „barbarischen“ Böhmenkönig Ottokar, in Salzburg von Michael Maertens und Tobias Moretti gespielt …… ja, und ich möchte mit unseren Schauspielern zeigen, dass Grillparzer den Habsburgkaiser nicht einfach nur als Heilsgestalt für einen österreichisch dominierten Vielvölkerstaat entworfen hat. Grillparzer hatte sich über diese Sicht schon bei der Uraufführung 1825 aufgeregt. In Ottokar und Rudolf sind zwischen Hybris und Harmonie-Sehnsucht, zwischen neoliberaler Dynamik und konservativer Beschwichtigung viele Züge auch heutiger politischer Widersprüche eingeschrieben. Das ist der wirklich spannende Subtext des Stücks. Den wollen wir heben wie einen versunkenen Schatz. Ohne pseudoaktuelle, besserwisserische Kommentare von außen.

Quelle: Der Tagesspiegel, Berlin am8.8.2005